Jasmine Warga – Mein Herz und andere schwarze Löcher

Mein Herz und andere schwarze LöcherZugegeben, „Mein Herz und andere schwarze Löcher“ stand nicht allzu weit oben auf meiner Leseliste – dafür sind in den letzten Monaten, gefühlt, zu viele YA-Romane erschienen, die Depressionen und Suizid zum Thema hatten.

„Depression, das bedeutet: ein Gefühl der Schwere, dem man nicht entrinnen kann. Das Gewicht lastet auf einem wie Blei und macht selbst die banalsten Dinge, wie das Binden von Schnürsenkeln oder das Kauen von Toastbrot, so anstrengend, als müsste man dreißig Kilometer bergauf laufen. Depressionen sind ein Teil von dir; sie sitzen in deinen Knochen und in deinen Adern. Wenn ich etwas über Depressionen weiß, dann das: Es gibt kein Entrinnen.“ (S. 25-26)

In „Mein Herz und andere schwarze Löcher“ geht es um Aysel und Roman, die sich auf einem Internetforum kennen lernen, in dem es darum geht, einen Partner zu finden, mit dem man Selbstmord begehen möchte. Die Kapitel sind, passenderweise, in verschiedene Tage eingeteilt und mit der Tageszahl versehen, die ihnen noch bis zum Tag X bleiben.

Leider hatte ich schon ziemlich schnell den Eindruck, dass mir das ganze einfach zu konstruiert ist. Schnell, für meinen Geschmack zu schnell, freunden sich Aysel und Roman an. Kaum weiß Aysel wann der Tag X sein wird, schon passieren ständig Dinge, die sie letztlich doch daran zweifeln lassen. Von daher war mir schon schnell klar, wie das nur enden kann.
Und dann die Liebesgeschichte. Besonders hier kam sie mir einfach fehl am Platz vor. Aysel und Roman sind beide zwei junge Menschen, die sich selbst isoliert haben und keine Freunde_innen haben. Warum muss die Autorin da Liebe entstehen lassen und nicht einfach eine Freundschaft?

Aysel mochte ich trotzdem gerne. Sie hört nur klassische Musik und in Situationen, in denen sie sich unwohl fühlt, summt sie die Melodie ihrer Lieblingsstücke vor sich hin. Außerdem interessiert sie sich für Naturwissenschaften, besonders Physik und ihre philosophischen Gedanken dazu in Verbindung mit Tod fand ich sehr interessant zu lesen.

Ich hatte oft den Eindruck hatte, dass Warga gut zum Thema Depression recherchiert hat und sie passende Vergleiche (z. B. die schwarze Qualle, die jegliche Freude aufsaugt) findet. Auch passend finde ich, wie sie die Familien von Aysel und Roman darstellt. Beide sind so mit ihrer Depression beschäftigt und vernebelt, dass sie gar nicht bemerken, wie ihre Familien versuchen, sich um sie zu kümmern.

„Was die meisten Leute nicht verstehen: Depressionen haben nichts mit der Umgebung, den äußeren Umständen zu tun. Es geht nur um die Innenwelt. Etwas in mir stimmt nicht. Klar, es gibt Dinge in meinem Leben, die mir ein Gefühl von Einsamkeit vermitteln, aber durch nichts fühle ich mich so isoliert und verängstigt wie durch die Stimme in meinem eigenen Kopf.“ (S. 59)

Allerdings muss ich aber auch sagen, dass ich manche Stelle doch etwas problematisch fand, z.B.

„Jetzt verziehen sich seine Lippen zu einem Halbmondlächeln. Ich glaube, ich habe seit drei Jahren nicht mehr gelächelt. FrozenRobot sollte seine Entscheidung noch mal überdenken. Vielleicht ist er gar nicht so depressiv, wie er glaubt.“ (S. 54)

Das erinnert mich ganz stark daran, dass unsere Gesellschaft oft ein ganz bestimmtes Bild von einem depressiven Menschen hat. „Richtig depressiv“ ist nur wer, der_die nur zu Hause bleibt, nur traurig ist und es auch zeigt, nichts isst, nicht am Leben teilnimmt, NUR IM BETT LIEGT. Und das Bild ist leider falsch. Es gibt genug Menschen, die depressiv sind und trotzdem versuchen, so gut es geht weiterzuleben, einen normalen Alltag zu behalten, sich die Traurigkeit nicht anmerken zu lassen, etc.

„Ich weiß, ich weiß – die Leute jammern immer rum und sagen, Selbstmord sei ein Ausweg für Feiglinge. Stimmt wahrscheinlich. Klar – ich gebe auf, ich kapituliere.“ (S. 17-18)

Ich vertrete, was das betrifft, eine ganz andere Position und deswegen stört es mich, dass die Autorin das so ausdrücklich schreibt. Selbstmord ist keine Tat aus Feigheit. Punkt. Für die meisten Menschen ist Selbstmord der letzte Ausweg, das einzige, was ihnen noch bleibt. Ich habe oft den Eindruck, dass die Menschen, die Selbstmord so verurteilen, einfach nicht in der Lage sind, sich in einen Menschen hineinzuversetzen, die_der so verzweifelt ist, dass es nicht anders geht. Die meisten Selbstmorde sind keine spontanen Aktionen, die_der betreffende Person hat sich damit auseinandergesetzt. Und anstelle, die_der Person Feigheit zu unterstellen, sollten sich andere Menschen, die Gesellschaft überhaupt lieber selbst fragen, wie es soweit kommen kann. Wie Menschen so verzweifelt sein können. Und wie man es erst verhindern kann, dass sie in solche Situationen kommen.
Und im Bezug zu Depression ist es sogar noch etwas anders, denn meistens möchte die Person anderen gar nicht mehr zur Last fallen und denken, ohne mich sind die anderen eh besser dran.

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„[…], desto mehr wage ich zu glauben, dass es eine Möglichkeit geben könnte, uns zu helfen und uns zu reparieren. Eine Möglichkeit, dass wir einander retten.“ (S. 290)

„Weil es mich gerettet hat, dass ich jemanden liebe. Seither sehe ich mich selbst anders, und ich sehe die Welt anders. Dafür bin ich dir was schuldig.“ (S. 372)

*seufz* Nein, einfach nein.
Ich weiß nicht, wie und warum Menschen auf die Idee kommen, dass Depressionen oder „psychische Krankheiten“ durch Liebe „geheilt“ oder „repariert“ werden könnten und dass dann alles Friede-Freude-Eierkuchen ist. Aber dem ist nicht so. Das mag in Büchern wie diesen funktionieren, aber nicht im richtigen Leben. Es mag helfen, einen Menschen zu haben, der_die dasselbe durchgemacht hat und darüber miteinander reden zu können, ABER innerhalb weniger Wochen dadurch „geheilt“ zu werden, nein.
Depression ist nicht einfach nur traurig sein und sobald man die Traurigkeit überkommen hat, ist alles wieder gut. Vor allem nicht, wenn es, wie bei Aysel ist, die JAHRELANG damit kämpfte.

„Eine Geschichte über zwei, die den Tod suchen und die Liebe ihres Lebens finden.“ (Klappentext der dt. Ausgabe)

*seufz* Außerdem, bei 16jährigen von der „Liebe ihres Lebens“ reden. WTF?!

Und noch kurz etwas zu Aysels Vater.

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Im Buch wird sehr stark angedeutet, dass er ebenfalls psychische Probleme hat und deswegen möglicherweise einen Menschen umgebracht hat. Er wurde in eine psychiatrische Klinik verlegt und Aysel erwähnt sehr oft, dass er immer traurig war, dass er zu Wutausbrüchen neigte, dass er vielleicht selbst eine „schwarze Qualle“ in sich trägt. Mir missfällt es etwas, dass die Autorin darauf nicht weiter eingeht und damit andeutet, dass er möglicherweise selbst Depressionen haben könnte. Gerade nach den ständigen Medienberichten zu dem Flugzeugunglück… Vielleicht hat es die Autorin nicht so gemeint, aber bei mir hinterlässt das so einen faden Beigeschmack.

Sehr schade auch, dass es zum Schluss nur noch um

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den versuchten Selbstmord von Roman geht

und z. B. Aysels Familie keine Rolle mehr spielt. Ich hätte gerne gesehen, wie sie sich vielleicht doch mehr ihrer Familie annähert.

Gelesen im Juli 2015.
Bewertung: 2/5

Übersetzerin: Adelheid Zöfel
Verlag: Sauerländer
ISBN: 9783737351416

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